Google und die Netzneutralität - ein Gedanke
Mich beschleicht seit Tagen der Gedanke, dass die Intention von Google zum Thema Netzneutralität überall missverstanden wird. Daher stelle ich meine Gedanken hier zur Diskussion. Vielleicht liege ich ja falsch?
Google schreibt heute in seinem offiziellen Blog:
"MYTH: Google has “sold out” on network neutrality.FACT: Google has been the leading corporate voice on the issue of network neutrality over the past five years. No other company is working as tirelessly for an open Internet.But given political realities, this particular issue has been intractable in Washington for several years now. At this time there are no enforceable protections – at the Federal Communications Commission or anywhere else – against even the worst forms of carrier discrimination against Internet traffic.With that in mind, we decided to partner with a major broadband provider on the best policy solution we could devise together. We’re not saying this solution is perfect, but we believe that a proposal that locks in key enforceable protections for consumers is preferable to no protection at all."
Ich interpretiere das so, dass Google seit Jahren auf strikte Netzneutralität drängt. Das ist naheliegend, weil Google sich auf dem Services-Layer bewegt und damit von den ISPs als Anbieter darunter liegender Layer abhängig ist. Für Google stellt es also ein Bedrohung dar, dass z.B. Vodafone eigene Dienste wie ein eigenes Portal gegenüber denen von Google bevorzugen könnte. Google hätte hierauf technisch keinen Einfluss und könnte gegen den jeweiligen ISP nicht vorgehen, solange es keine gesetzliche oder behördliche Regelung von Netzneutralität gibt. Google nennt das oben "carrier discrimination against Internet traffic".
Nun nimmt man Google kaum mehr ab, dass eines der erfolgreichsten IT-Unternehmen der Welt (6 Mrd. USD Gewinn etc.) sich in einer Abhängigkeit befinden könnte. Im Gegenteil, die Vermutung liegt nahe, dass Google - im harten Wettbewerb etwa mit Facebook im Online-Werbemarkt oder mit Apple im Mobile-Markt - sich mit Geld einen strategischen Vorteil erkaufen wolle.
Ich spekuliere hier, dass es genau andersherum ist. Denn man muss ein bisschen nach vorne gucken zu dem, was Google plant:
- VoIP-Dienste, die im Wettbewerb zu Telkos stehen: Google Voice wurde erst vor sechs Wochen für alle Anwender zugänglich gemacht.
- WebTV-Angebote: Das neue Youtube-Leanback ist nur ein Vorspiel dessen, was noch kommt. Nachdem Google TV nicht erfolgreich war, wird Apple nun in Kürze einen neuen Aufschlag des Apple TV machen, um den Home-Markt zu erobern - es verdichten sich Gerüchte, dass für 99 USD eine auf iOS basierende Box bald erscheint. Google hat vor zwei Monaten eine auf Android beruhende Lösung angekündigt.
Beide Dienste haben das Zeug zu jeweils einem lukrativen Geschäftsfeld und sind neue Dienste ausserhalb des Suchmaschinenmarktes, die gleichzeitig Angriffe auf Telkos bzw. ISPs darstellen, die alle oder in Teilen mit beidem ihr Geld verdienen.
In einem derart heiss umkämpften Markt ist es möglich, dass Google auf erbitterten Widerstand der Telkos bzw. ISPs stösst und diese mit eben dieser oben genannten "carrier discrimination" beginnen, d.h. Google selbst würde diskriminiert, indem seine Dienste verteuert, beschränkt oder gedrosselt werden. Aus deren Sicht ist nämlich Google dasjenige Unternehmen, das ohne Not 13 Jahre nach Geschäftsgründung in ihre Märkte eindringt, nachdem es zuvor schon mit WiFi for Airports und dem Telefonnetz in Mountain View leichte Drohgebärden gezeigt hat. Aus deren Sicht wäre die Diskriminerung Googles also ein Akt wirtschaftlicher Selbstverteidigung.
Vor diesem Hintergrund ist klar, dass Google strikt an der Netzneutralität festhalten will, jedoch seine neuen Dienste nur im Markt platzieren kann, wenn es sich mit den Telkos und ISPs einigt.
Und genau das ist die Ankündigung einer Grundsatzvereinbarung mit Verizon, um einen Konflikt, den die Politik entgegen den Versprechungen Obamas eben bisher nicht gelöst hat, einvernehmlich zu lösen. Das ist "best policy solution we could devise together."
Liege ich richtig mit dieser Interpretation?
Ich bin, wie jeder weiss, der meine Veröffentlichungen über Google verfolgt, nicht immer zimperlich, wenn es um Kritik an Google geht. Aber man soll doch bitte jetzt nicht Google zu "evil" erklären, sein Verhalten als "pure Heuchelei" zu bezeichnen und das Mittelalter-Internet heraufbeschwören. Google hat versucht, einen strukturellen Konflikt zu lösen mit Unternehmen, zu denen es ganz oder in Teilen in Wettbewerb treten kann. Die Ursache ist - je nach Standpunkt - entweder das Versagen der Politik oder eben die Tatsache, dass Google aus strategischen Gründen neue Dienste verbreiten möchte, für die sich das Unternehmen eben mit Partnern einigen muss. Für meine Interpretation spricht auch, dass drahtlose Netze aus der Ankündigung ausgeschlossen sind; die neuen Dienste finden nämlich vornehmlich nicht dort statt, hier gibt es momentan noch nichts zu klären.
Im übrigen ist das Kind ja noch nicht in den Brunnen gefallen: von einem Vertrag ist bisher nicht die Rede, die Politik kann immer noch die Netzneutralität vorschreiben und wenn sie das nicht tut und mit dem Ergebnis nicht einverstanden ist, dann kann sie sich aller bekannten Arten von wirtschaftlichen Zuwendungen bedienen, um das gewünschte Ergebnis dennoch zu erreichen.
Vielleicht ist es ja sogar die Absicht beider Google-Postings, die Sache endlich mit ein wenig Druck auf der politischen Ebene zum Ziel zu bringen; Google ist nicht so dumm, "mal eben kurz" Teile seiner fundamentalen Philosophie über Bord zu werfen und innerhalb von 72 Stunden einen wesentlichen Teil seines Images zu verspielen. Genau dafür spricht nämlich auch, dass es zwischen den Partnern eben nicht zu einem bindenden Vertrag gekommen ist. Vielleicht ist sogar auch Verizon auch die Lage zu unsicher, wenn es doch eine Regelung geben wird, und so ist auch Verizon mit einem öffentlichen "Proposal" aus eigenem Interesse sehr einverstanden, um die Lage zu sondieren.
Google handelt jedenfalls nicht zum Schaden Dritter, sondern präventiv, um eigenen Schaden abzuwenden. Provokativ und alltagstauglich formuliert: Wir sollten vorsichtig mit Urteilen über Rotkäppchen sein, wenn es sich mit dem Wolf einigt, bevor es in den Wald geht, weil die Polizei nicht da ist. Aber Google ist ja nicht Rotkäppchen, schon klar ;-)