Entwurf: Vergisst das Internet wirklich nichts?
Dieser Text war eigentlich nur eine kleine Fingerübung, aber er hat hier so viele Abrufe, dass er in einer leicht modifizierten Fassung nun bei Carta erschienen ist. Bei Interesse bitte dort kommentieren. Danke an Michael Seemann und Jens Best für die Inputs.
Die häufig zu lesende These „Das Internet vergisst nichts“ ist so uneingeschränkt nicht richtig. Sie mag für eine Betrachtungsdauer von wenigen Jahren gelten, in einer langfristigen Betrachtung stimmt sie aber nicht.
Ich hatte wohl Ende 1993 erstmals mit dem Internet Berührung. Absurderweise erinnere ich mich an den genauen Zeitpunkt nicht, weil mir damals nicht gleich klar war, welche Bedeutung das Internet später haben würde: Das Web der ersten Generation wirkte auf mich nicht anders als eine grafische Mailbox und die Mails sahen nicht anders aus als bei Compuserve oder AppleLink. Ich bin also, sagen wir, rund 17 Jahre im Internet. Über die These „Das Internet vergisst nichts“ habe ich erst vor einem Salon der Initiative I-15 unter dem Motto „Erinnern und Vergessen in Zeiten des Internet“ nachgedacht. Mehr und mehr fiel mir auf, dass die These nicht ganz richtig ist.
Es verschwinden nämlich Internetangebote aller Gattungen (auch die WayBackMachine von archive.org speichert nur wenige Auszüge), es verschwinden Nutzerbeiträge mit diesen Angeboten und es verschwinden Nutzerbeiträge aus anderen Gründen. Im letzten Abschnitt gehe ich auf gegenläufige Entwicklungen ein.
Verschwindende Angebote und Inhalte
- Es verschwinden ganze Verlagsangebote immer dann, wenn Titel eingestellt werden: Allein die Zahl der jährlich eingestellten Fachzeitschriften geht an die hundert. Da viele dieser Angebote einen Online-Ableger haben, wird dieser zumeist mit aus dem Netz genommen.
- Nicht anders ist die Situation bei Startups, die ihren Betrieb einstellen, aktuell z.B. die Saftfabrik.
- Auch sind Websites vieler Unternehmen abgeschaltet; wer es genau wissen will, suche doch mal nach Corporate Websites der alten Agenturen Bitlab, WWL, Concept, Kabel New Media, Popnet – es ist nichts mehr da und auch bei archive.org sind nur Fragmente (klicken Sie mal bei http://web.archive.org/web/20000408214438/http://www.xplain.de/ auf „referenzen“ und Sie landen bei der aktuellen Pixelpark-Website). Auf diese Weise sind übrigens auch Mitarbeiterkurzprofile dieser Unternehmen verschwunden.
- Dies gilt auch für berühmte Web-Projekte. Ein hübsches Beispiel ist der Wildpark, ein Kreativprojekt der Agentur Pixelpark, http://www.wildpark.com/. Er taucht auf der Suchmaschinenergebnisseite von Google erst auf Seite 2 auf. Und dort findet man unter Umständen eine sog. „Konserve“, die Website ist aber über die Homepage nicht mehr zugänglich, da die Browserweiche eine Positivliste ist und bei neueren Browsern versagt. Zudem hat das neue Management im Jahr 2009 einen Relaunch des Projektes durchgeführt, http://www.pixelpark.com/de/pixelpark/presse/pressemeldungen/2009/20090804.html. Ergebnis: das „berühmte alte Wildpark“ ist nur noch ein Puzzle für kenntnisreiche Archäologen, für die Öffentlichkeit ist er konzeptionell nicht nur verschwunden, sondern sogar durch ein neues, andersartiges Angebot ersetzt.
- Pressemitteilungen vieler Unternehmen sind nicht mehr auffindbar. In der dynamischen Internetbranche sieht man es besonders gut: Während mein papiernes Archiv seit 1991 Pressemitteilungen aufweist, reichen Online-Archive vieler Unternehmen meistens keine zehn Jahre zurück, obwohl das Unternehmen viel länger existiert.(Beispiel Pixelpark: die älteste zugängliche Pressemeldung ist von 2002, das Unternehmen wurde aber schon 1991 gegründet und hat ab 1994 Pressemeldungen im Web veröffentlicht).
- Bei Unternehmen fallen auch andere Informationen weg. So nennt Pixelpark selbst nur noch als Gründer Paulus Neef. Welche Rolle Eku Wand spielte, der heute Professor für Design ist, ergibt sich aus nur noch aus dessen Biografie auf seiner eigenen Website http://www.hbk-bs.de/hochschule/personen/eku-wand/biografische-daten/index.php. Über die Gründe kann man spekulieren. Möglich ist, dass hier eine Organisation einen Gründer vergessen hat, weil die dort agierenden Menschen die Geschichte allenfalls noch vom Hörensagen kannten. Die Verschriftlichung von Geschichte allein hindert also das Vergessen nicht. Es bedarf eines bewussten daten-archöologischen Ausgrabungsprozesses.
- Blogs, die jahrelang nicht mehr gepflegt werden, werden vom Betreiber zumeist irgendwann abgeschaltet, zum Beispiel, weil sie die Kosten der Domain nicht mehr tragen möchten.
Verschwindende Nutzerbeiträge
- Mit allen oben genannten Angeboten verschwinden auch deren Nutzerbeiträge, insbesondere bei Blogs und Verlagsangeboten.
- Dasselbe gilt auch für Beiträge in großen Communities, die privat betrieben und irgendwann eingestellt wurden. Ein gutes Beispiel ist wohl dotcomtod, das 2004 eingestellt wurde; zuvor gingen fast alle Beiträge verloren, aufgrund von Streitigkeiten im Kreis der Gründer. Aber auch Dutzende großer und hunderte kleiner kommerzieller Communities wurden geschlossen, etwa die GMX-Community sowie Giga, ebay, Nintendo und Bym. Aktuell wird gerade die Community nextstop vom Netz genommen, weil sie von Facebook gekauft wurde.
- Auch Leserkommentare bei Verlagsangeboten können verschwinden: Ich habe an einem Relaunch mitgewirkt, bei dem das Projektteam beschlossen hat, sämtliche alten Leserkommentare nicht auf die neue technische Plattform zu migrieren. So verschwanden zigtausende von Leserbeiträgen aus dem Netz. Gestört hat sich übrigens niemand daran.
- Auch Kundenbewertungen „verschwinden“ langfristig. Im eCommerce gilt das immer, soweit das Produktsortiment aktualisiert oder getauscht wird. Wer es nicht glaubt, suche bei Amazon die Kundenbewertungen zu alten Elektronikartikeln. Bei Bewertungsportalen (Qype, Yelp etc.) verschwinden Beiträge, wenn das Bezugsobjekt in der Realität „stirbt“: Wenn Luigis Ristorante schliesst, wird auch der alte Eintrag irgendwann aus dem Netz genommen, denn ungültige Einträge haben für Nutzer und Betreiber keinen Sinn mehr.
- In dieselbe Kategorie fallen Links von URL-Shortenern, deren Dienste eingestellt wurden. Die Kürzel werden dann nicht mehr aufgelöst, der Link ist „kaputt“ und die Bedeutung des ganzen Nutzerbeitrages steht in Frage. Eines der berühmteren Beispiele ist tr.im aus dem August 2009. Es sollte nicht wundern, wenn von fast 200 URL-Shortenern weltweit der größere Anteil in Kürze seine Dienste einstellt und somit auch deren alte Links nicht mehr aufgelöst werden.
Zwischenergebnis: Ein Leben und Sterben von Teilsystemen
Das Internet ist zwar einerseits ein großes Ganzes, andererseits ist es aber auch ein Netz von Teilsystemen, deren Inhalte aus verschiedenen Gründen entweder komplett aus dem Netz genommen werden oder welche über die Datenlöschung oder –nichtveröffentlichung autonom entscheiden.
Die Gründe dafür: Bei kommerziellen Angeboten sind es häufiger Veränderungen auf der Unternehmensebene (Übernahme des Unternehmens, Insolvenz), auf der strategischen Ebene (ein Geschäftsfeld wird eingestellt) oder auf der Produktebene (ein Produkt ist wirtschaftlich nicht erfolgreich und wird eingestellt, beschränkt fortgeführt oder geht in einem anderen auf). Sofern ein Online-Produkt als „Konserve“ mit geringsten Mitteln aufrechterhalten wird, stellt sich irgendwann die Frage der Betriebskosten. Auch können es Gründe der Unternehmenskommunikation sein, warum ein Produkt am Ende vom Netz genommen wird (veraltetes Corporate Design, Vergessenwollen des Fehlschlages). Bei privaten Angeboten kann es Desinteresse an der Fortführung oder schlicht die Unwilligkeit sein, die Kosten von Domain und Server weiterhin zu tragen.
Das Web ist also so vielfältig wie das Leben, das aus Geburt und Sterben besteht. In der sachlichen Sprache des Geschäftslebens formuliert: Auch Online-Produkte werden verändert, ausgetauscht oder erreichen ihr End of Live. Und, wie wir am Beispiel des unerwähnten Agenturgründers gesehen haben: Manchmal vergisst eine Organisation etwas, gewollt oder ungewollt.
Ausblick: Alles überall
In den letzten Jahren hat sich die Situation allerdings wesentlich verändert: Mit Webservices tauschen Systeme Daten aus und replizieren diese Daten außerhalb des Herrschaftsbereiches des Urhebers in Drittsysteme. Was in einem Teilsystem nicht mehr existiert, lebt gewissermaßen an anderer Stelle weiter. So würden Tweets aus Twitter im Google-Index auch dann noch verfügbar sein, wenn Twitter sein Produkt eines Tages einstellen würde. Entsprechendes gilt nicht nur für die großen, sondern für alle Social-Media-Plattformen, beispielsweise Digg und flickr, die über APIs kommunizieren.
Zusätzlich zu den produktspezifischen APIs wie bei Twitter erlauben Standards den Datenaustausch für beliebige Inhaltsobjekte, z.B. Newsfeeds oder Kommentare. Damit entsteht ein „Alles ist überall“-Effekt. Er gilt allerdings nur so weit, wie Lizenzbestimmungen mit Endkunden die Datenweitergabe erlauben und wie die Bestimmungen zwischen den Plattform-Anbietern zur Dauer der Speicherung und zum Löschen von Inhalten sind; so verbietet Facebook beispielsweise den Drittanbietern ausdrücklich, bei Facebook gelöschte Inhalte in den Drittsystemen weiterhin zu speichern. Ob es hierbei bleibt, ist allerdings unklar. Einerseits werden sich Anbieter immer bemühen, die Kontrolle über ihre Nutzerinhalte zu behalten, andererseits geht die Technik wie immer einen Schritt voraus und kann eine Eigendynamik entwickeln.
Derzeit gilt: Für Nutzerbeiträge auf Plattformen der Big Player und Marktführer (Microsoft, Apple, Google, Amazon, Yelp, Foursquare usw.) ist jedenfalls nicht absehbar, ob und in welcher Dekade die Inhalte aus dem Web verschwinden und wer mit wem Daten austauscht. Entsprechendes – und das wird gerne übersehen - gilt für Geheimdienste und Überwachungsbehörden wie den CIA (vgl. Wired http://www.wired.com/dangerroom/2010/07/exclusive-google-cia/).
Richtiger wären also Zwei Sätze des Vergessens im Internet:
Satz 1: „Die großen Internet-Plattformen vergessen nichts.“
Satz 2: „Geheimdienste und staatliche Überwachungsbehörden vergessen nichts.“